Von > Herbert Popp
Kursiv: Aktualisierungen und Ergänzungen
(5) Wir gehen durch ein Gartentor am Ostrand der Siedlung am Sachsenberg in den Schlosspark Eremitage. Damit betreten wir über einen ungewöhnlichen Zugang den wohl bekanntesten Park von Bayreuth und Umgebung. Er liegt auf einem Plateau inmitten einer Schleife des Roten Maines, die das Gelände von drei Seiten mit einem schroff abfallenden Talhang umschließt.
Hier am westlichen Rand der Eremitage steht das Schlösschen Monplaisir. 1720 entstand es als privates Wohnhaus des Ingenieurs Johann Heinrich Endrich, der die Bauleitung des ersten Schlosses innehatte. 1732, mit dem Wechsel nach Bayreuth als Ehefrau des Erbprinzen Friedrich, erhielt die Markgräfin Wilhelmine von ihrem Schwiegervater in der Eremitage das von Endrich erbaute Haus zum Geschenk; sie nannte es Monplaisir (mein Vergnügen).
(6) Wir gehen an Monplaisir vorbei die Untere Allee entlang bis zum Alten Schloss. Dieses Schloss wurde von Wilhelmine umgestaltet und erweitert.1735, nach dem Regierungsantritt Friedrichs als Markgraf, schenkte dieser seiner Frau die Eremitage. Damit begann eine Phase intensiver Umgestaltung dieses höfischen Parks.
Anfänglich wies der Park nichts Ungewöhnliches auf. Er war bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts ein herrschaftliches Jagdgehege, das durch den jungen Markgrafen Georg Wilhelm, einer Mode der Zeit folgend, zu einer Eremitage (zu einer Einsiedelei) umgewandelt wurde. Die höfische Interpretation des eigentlich sehr spartanischen Einsiedlerlebens mit Kontemplation und Einfachheit in kleinen Eremitenhäuschen führte bald dazu, dass die Einsamkeit des idyllischen Aufenthaltes mit barocker Lebenslust vermengt wurde.
Schon 1718 ließ Georg Wilhelm ein Schloss, das heute als das "Alte Schloss" bezeichnet wird, einen Wasserturm (der für die geplanten Wasserspiele notwendig war) und ein Wirtschaftsgebäude errichten. Auch mit der Gestaltung von Gartenanlagen wurde nach französischen Vorbildern begonnen, allerdings nicht so regelmäßig wie diese angelegt, weil das die Topographie in der Eremitage gar nicht zuließ.
Anders als das ursprüngliche, religiös motivierte Konzept der Eremitagen zu Beginn des 17. Jahrhunderts ist "die Bayreuther Eremitage ein Ort des Vergnügens und der ungezwungenen Lebensfreude", wie es Sylvia Habermann (1982, S. 99) ausdrückt. Der bereits stark höfisch-barocke Einfluss in der Anlage der Eremitage sollte noch gesteigert und kulturell verfeinert werden durch die Aktivitäten der Markgräfin Wilhelmine, die sowohl die Bauten als auch die Parkanlage in den folgenden Jahrzehnten entscheidend prägte und zu Vorreitern europäischer Gartenkunst machte.
Nach dem Umbau des Alten Schlosses durch Wilhelmine besteht ein auffallender Kontrast zwischen dem (auch nach dem Anbau noch) unscheinbaren Äußeren und der Pracht im Inneren. Der westliche Flügel umfasst die Räume des Markgrafen. Der östliche Flügel mit Wilhelmines Räumen ist prächtiger und besteht unterem anderem aus Japanischem Kabinett, Musikzimmer, Chinesischem Spiegelkabinett und Schreibkabinett. Am Südteil des Schlosses schließt sich die Innere Grotte an, deren Wände mit Glasschlacken und Muscheln verkleidet sind. Aus mehr als 200 Düsen sprudelt Wasser hervor und bereitet ein wahrhaftes Wasserspektakel.
Das Alte Schloss wurde mit Abschluss der aufwändigen Restaurierungsarbeiten der Bayerischen Verwaltung der Schlösser, Gärten und Seen ein Juwel, das den ursprünglichen Prunk der Innenausstattung wiederherstellt. Die Restaurierung wurde nicht zuletzt notwendig, da am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Bombardierungen der Amerikaner auch die Fassade des Alten Schlosses teilweise beschädigt worden war.
Vor der Nordseite des Schlosses schließt sich ein Garten mit Springbrunnen (die sog. Parterre) in seiner Mitte an, der in Kaskaden mündet, die zum Roten Main hinabführen. Sie wurden 1983 originalgetreu wiederhergestellt.
(7) Der Wasserturm: Für die in der Barockzeit hochgeschätzten Wasserspiele war die Bereitstellung von Wasser eine technisch oft schwierige Aufgabe. Das Problem wurde in der Eremitage souverän gemeistert. Die Quellen für die Wasserversorgung befinden sich östlich des Maintals auf dem Pensen und Kuhberg. Da diese höher liegen, war im Prinzip eine Zuleitung auf gravitativem Wege möglich.... Die Querung des Maintales erfolgt nicht ebenerdig, sondern über eine Brücke. Während der größte Teil der Strecke unterirdisch in Holzröhren verlegt wurde, waren der Überquerungsteil des Tals und die Steigleitung in den Wasserturm aus Bleiröhren. Mit dem im Wasserturm gespeicherten Wasser wurden die Wasserspiele im Alten Schloss, auf dem Parnass südlich des Schlosses und anfänglich sogar im Nymphäum der Unteren Grotte betrieben. Es wurde außerdem die Kaskade mit Wasser versorgt sowie die Trinkwasserversorgung sichergestellt. Noch heute ist der Wasserturm in Funktion, allerdings erfolgt die Zuführung über Wasserleitungen.
Gegenüber dem Wasserturm befindet sich das Ruinentheater (1743 errichtet; vgl. Foto unten), das fünf Kulissenbögen umfasst. Das fehlende Dach erweckt den Eindruck einer Ruine, der zusätzlich erzeugt wird durch angeschlagene Säulen und ein schräg gestelltes Gesims. Diese Elemente sind indes kein Zeichen von Verfall, sondern sie wurden von Anfang an so ausgeführt. Das Ruinentheater war der Ort von Theater- und Ballettaufführungen, die wichtiger Bestandteil des höfischen Lebens jener Zeit waren. Auch in der Gegenwart wird das Theater im Sommerhalbjahr wieder für Freilichtaufführungen in reizvollem Ambiente genutzt.
(8) Wir kehren zum Alten Schloss zurück, gehen vor diesem aber links vorbei in Richtung Süden. Wir stoßen auf einen künstlichen Tufffelsen mit vier torartigen Durchgängen: den Parnass. Er ist heute sehr unscheinbar, fehlen doch inzwischen die Figuren, die auf diesem "Musensitz" standen (Pegasus, Apollo und die neun Musen). Zudem sind die Wasserspiele, die aus den Hufen von Pferden den Fels hinunterschossen, nicht mehr in Funktion. Der Parnass bildete das Eingangstor zum Alten Schloss. Anfänglich war nämlich die Südseite der Zugang um Schloss. Ihn durchschritt man, wenn man als Gast das Schloss betrat, und gelangte dann unmittelbar in die Innere Grotte.
Wir begeben uns in den Bereich der Oberen Grotte und verschaffen uns neben den Skulpturen des "Raubs der Sabinerinnen" am Nordrand der Anlage einen Überblick über das Neue Schloss (oder auch Orangerie genannt; vgl. Foto oben) mit dem davor gruppierten Großen Bassin für Wasserspiele.
Wurde das Alte Schloss durch Wilhelmine nur umgebaut, so ist die Orangerie eine völlig neue Anlage, die durch die Markgräfin von 1743-1753 dort veranlasst wurde, wo vorher ein Heckenlabyrinth stand. Ein halbkreisförmiger Baukomplex wird in der Mitte von einem Sonnentempel dominiert; die bei den Flügelbauten dienten als Gewächshäuser für Zitrusbäume ("Orangerie") und Wohnräume des Markgrafenpaars. Sie vermitteln einen grottenhaften Eindruck durch die Verwendung von Kristall- und Glasflusssteinen. Auf Podesten sind Büsten der römischen Kaiser silberfarben aufgesetzt und auf der Kuppel des Sonnentempels thront Apollo, wohl als Symbol des absolutistischen Herrschertums zu verstehen. Überzeugend charakterisiert Sylvia Habermann den Baustil als "Staffage-Architektur", bei der die Funktion nur von sekundärer Bedeutung ist.
Vor dem Neuen Schloss, wie es heute bezeichnet wird, liegt das zentrale Wasserbecken im Zentrum der gesamten Anlage. In ihm befinden sich Sandsteinskulpturen, bestehend aus Tritonen, Pferden, Putti und Meeresfabeltieren, aus denen Wasserstrahlen heraussprudeln.
Der rückwärtige (nördliche) Teil der Anlage besteht aus einer Umrahmung mit Treillagen (Spalier, das wahrscheinlich durch Volieren ergänzt war), sodass der Gesamtkomplex fast kreisförmig erscheint.
Das Neue Schloss… wurde am Ende des Zweiten Weltkrieges durch amerikanische Bombardements zerstört. Der Grund dafür war die Beobachtung aus der Luft von Militärtransportern im Park, die (das wissen wir heute) 60.000 Filmrollen sicherstellen wollten. Die Amerikaner missinterpretierten die Tätigkeit als militärisch motiviert und begannen mit Bombenabwürfen. Deshalb musste die Anlage des Neuen Schlosses über Jahrzehnte hinweg mühsam wiederaufgebaut werden, wobei (wie im Falle des Spaliergitterwerks) oft authentische Strukturen wiederhergestellt wurden, die im Laufe der Jahrhunderte bereits verschwunden waren.
(9) Wir verlassen die Obere Grotte zur Eremitagestraße, gehen nach rechts durch einen der Buchen-Laubengänge und zweigen links ab auf die Mittlere Allee in Richtung Westen. Der englische Park beidseits der Achse ist eine jüngere Entwicklung; zu Wilhelmines Zeiten befanden sich hier Bosketten (Heckenquartiere). Der Pavillon auf dem Schneckenberg mit Belvedere halblinks entstand erst 1771 im chinesischen Stil. 2000 wurde er rekonstruiert und neu errichtet.
(10) Wir überqueren die Eremitagestraße und begeben uns in den Bereich des Kanalgartens. Dieser wurde von Wilhelmine um 1750 angelegt, wurde allerdings später aufgegeben und erst seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach Originalplänen rekonstruiert. Durch solche Maßnahmen wird auch für den Laien erahnbar, dass der Garten der Eremitage "eine einzigartige Sonderstellung in der Gartenkunst" (Habermann 1982, S. 146) einnahm.
(11) Wir gehen in östlicher Richtung, bis wir den Buchen-Laubengang, der vom Sonnentempel bis nach Eremitenhof führt, queren, und gehen diesen in südlicher Richtung entlang, bis wir linker Hand auf ein einzelstehendes, kubisches Gebäude stoßen. Es handelt sich um den zweiten, um 1750 errichteten Wasserturm. Er war notwendig geworden, weil der zusätzliche Wasserbedarf für die Obere Grotte nicht mehr
mit dem einzigen Wasserturm zu bewältigen war.
Wir gehen hangabwärts durch den hier waldartig entwickelten Park ins Tal des Roten Mains und gelangen zur Eremitenhofstraße. Hier verlassen wir die Eremitage, die heute bei vielen Bayreuthern als Gebiet zum Spazierengehen in einer gepflegten Parkanlage sehr beliebt ist …
(Die Beschreibung von Punkt 14/Lohengrin Therme ist hier weggelassen, weil sich das Gebiet außerhalb von St. Johannis befindet.)
Wir kommen zur Eremitenhofstraße und gehen nach rechts zum Ortsteil Eremitenhof. Dieser ehemalige Weiler hat nur eine bescheidene Siedlungsentwicklung in den letzten Jahrzehnten erlebt. Bekannt und beliebt ist die Ausflugsgaststätte Eremitenhof im Ortszentrum sowie die neugestaltete Eremitenklause, die sich hoher Nachfrage erfreuen...
Über die Eremitenhofstraße gehen wir hangaufwärts vorbei am Sportplatz und Sportheim des TSV St. Johannis in Richtung St. Johannis zurück. Wir überqueren dabei die Königsallee, deren Name an den Besuch des Preußenkönigs Friedrich II. (Friedrich der Große) bei seiner Schwester Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth, erinnert.
Nun erreichen wir die Ochsenhut. Dabei handelt es sich um die Bezeichnung für ein ehemaliges Flurstück, das diesen Namen für das Wohnviertel übernommen hat und zugleich namengebend für die Hauptachse durch dieses Gebiet ist. Nach Passieren des neuen Feuerwehrhauses Bayreuth-Ost betreten wir die Wohnsiedlung. Sie ist in den frühen sechziger Jahren als gehobenes Einfamilienhauswohngebiet mit flach geneigten Satteldächern errichtet worden. Die Ochsenhut war das erste große Siedungsneubaugebiet von St. Johannis nach dem Zweiten Weltkrieg. Links über den Wohnhäusern ist das Gebäude der Grundschule St. Johannis zu sehen, das 1968 fertiggestellt wurde.
Die Kreuzung an der Eremitagestraße konnte man noch in den 1990er-Jahren als "Geschäftszentrum" des Stadtteils betrachten: mit einem kleinen Supermarkt, Metzger und Sparkassenfiliale. Jetzt befindet sich links am Ende der Ochsenhut nur noch eine Bäckereifiliale mit kleinem Cafébetrieb. Die ehemalige Sparkasse wird als Bürogebäude genutzt.
Wir überqueren die Eremitagestraße und kommen durch die Sonntagsstraße (die schon im Teil 1 beschrieben wurde) zurück zum Altentrebgastplatz, dem Ausgangspunkt des Rundgangs.
Bei der Beschreibung der Eremitage wird zitiert aus:
Habermann, Sylvia: Bayreuther Gartenkunst. Die Gärten der Markgrafen von Brandenburg-Culmbach im 17. und 18. Jahrhundert.
Worms 1982
Die Bilder können durch Klick vergrößert werden.
Später wurde es (bis 1968) als Schulhaus für St. Johannis, Eremitenhof und Colmdorf genutzt.
Er ist auch deshalb interessant, weil eine andere Fördertechnik für das Wasser verwendet wurde. .... Mit Hilfe der Wasserkraft des Roten Maines (genauer gesagt: durch ein mit einem Wasserrad getriebenes Feldgestänge, das hangaufwärts über etwa 200 m führte), wurde ein Kolben-Pumpwerk betrieben, welches das Wasser, das über die Rohrbrücke in ein Becken geleitet worden war, hob. Der Wirkungsgrad dieser Maschine war gering, aber sie funktionierte. ...