GESCHICHTE UND GESCHICHTEN

Das Dorf zur Zeit von Bürgermeister Andreas Sonntag


Die heutige SONNTAGstraße erinnert an Andreas SONNTAG, der von 1919 bis 1933 in der damals selbständigen Gemeinde St. Johannis Bürgermeister war. Damals war St. Johannes ein eigenständiges und lebendiges Dorf - und es begannen die "modernen" Zeiten mit Elektrizität, Wasser-versorgung und Kanalisation. Seine Tochter Paula Rösch berichtete davon in einem ausführlichen Brief, der hier wiedergegeben ist.*.

(kursiv in Klammern: Ergänzungen zum Originaltext).


Strom, Wasser, Kanalisation

 

1921 bekam der Ort elektrisches Licht. Bis dahin gab es nur Kerzenlicht oder Öl- und Karbidlampen. 1925 bis 28 wurde eine zentrale Wasserversorgung über die Eremitageleitung gebaut. (Für das Schloss mit den Wasserspielen gab es schon immer eine Wasserleitung, die aus Quellen am Pensen gespeist wurde.) Vorher mussten die Frauen das Wasser mit ihren Holzbutten auf dem Rücken oder in Eimern von den wenigen Brunnen herbeitragen. Das war besonders im Winter beschwerlich! Auch eine Kanalisation durch den ganzen Ort wurde geplant und errichtet, denn bei Regenzeiten waren die Straßen und Gässchen sehr dreckig und voller Morast.

Haus Phillippsruhe
Haus Phillippsruhe

Amtsgeschäfte erst in der Wohnstube, dann im "Rathaus"

 

Dreimal in der Woche war Sprechstunde in der Wohnung des Bürgermeisters im Haus „Phillippsruhe“ (in der Kurve gegenüber der Zufahrt zur Eremitage). Dort wurden am Samstag vor der kirchlichen Feier auch die standesamtlichen Trauungen vorgenommen. Ein Rathaus war dringend nötig, denn die Gemeinde wurde immer größer. Es wurde 1929 gebaut (und hatte ein Dienstzimmer und Wohnungen).

Das "Rathaus" von St. Johannis
Das "Rathaus" von St. Johannis

Nun spielte sich der ganze Dienstbetrieb dort ab. Für die vielen anfallenden Schreibarbeiten wurde ein Gemeindesekretär angestellt. Ein Gemeindediener lief mit einer lauten Schelle durchs Dorf und gab die neuesten Mitteilungen bekannt.

Zwischendurch gab es immer mal wieder eine Prüfung der Bücher (Aktenführung und Kasse) durch das Bezirksamt Bayreuth. Die Gemeinde mit ihrem Bürgermeister wurde als mustergültig ausgezeichnet.

Dorfleben, Vereine und Feste

 

Der Rote Main wurde unterhalb der Eremitage erweitert und es wurden ein Freibad mit Schwimmbecken für Kinder und Erwachsene und zwei Umkleidekabinen eingerichtet.

Zwei Gesangsvereine waren rege tätig… Auch Sportvereine wurden gegründet. Mein Vater stellte ein Stück Feld kostenlos zur Verfügung und es wurde fleißig Fußball gespielt.

Am 24. Juni war Johanni. Im Ort wurde Kirchweih gefeiert. Am Vorabend brannte man ein stattliches Kanzfeuer vor dem Friedhof ab. Für Kinder gab es Belustigungen mit Karussell und Schiffsschaukel und für Erwachsene den Kirchweihschmaus und den lustigen Kirchweihtanz … in den zwei Gastwirtschaften mit Saalbetrieb (Maisel und Angerer).

Alljährlich wurde ein Wiesenfest in der Eremitage gefeiert. … Im alten römischen Theater spielten die Schulkinder unter Anleitung ihrer Lehrer und sangen schöne Volkslieder.

Die Bevölkerung wuchs. Das alte Schulhaus wurde zu klein und ein Neubau war geplant (an der heutigen Imhofstraße).

 

Opfer der Verhältnisse

 

Da mein Vater Sozialdemokrat war und nicht in die NSDAP eintreten wollte, wurde er 1933 (zu Beginn der Naziherrschaft) von seinem Bürgermeisterposten enthoben. Auch in der Bayreuther Druckerei, wo er erster Obermaschinenmeister war, wurde er deshalb entlassen.

 

Ergänzende Informationen:

Andreas Sonntag zog mit seiner Familie nach Nürnberg. Er hatte dort später eine kleine Druckerei. 1958 starb  er im Alter von 80 Jahren. Nach ihm wurde in den 60er-Jahren die Sonntagstraße benannt. St. Johannis wurde 1939 zusammen mit der bis dahin ebenfalls selbständigen Gemeinde Colmdorf nach Bayreuth eingemeindet - > s. auch Chronik

 


* 1986, auf Anfrage zu einem Projekt zur Ortsgeschichte mit einer 4. Klasse der Schule St. Johannis